Kreativitätstechnik #5: Nichtstun

Von Kathrin Koch | 27. Juni 2016, 08:52

Kreativitätstechnik: Nichtstun

Sie kennen das: In einem mit Arbeit und dringenden Abgabeterminen vollgepackten Bürotag erwischen Sie einen Kollegen dabei, wie er genüsslich zum Fenster hinaus stiert. Was soll das denn? Wenn das der Chef wüsste!

„Ora et Labora” – kann denn Muße Sünde sein?

Wenn Prof. Henning Scheich solch einen Müßiggang bei einem seiner MitarbeiterInnen bemerken würde, wäre er wahrscheinlich erfreut: Der Hirnforscher am Leibniz Institut für Neurobiologie Magdeburg hat entdeckt, dass ein gewisser Grad an Nichtstun für das Gehirn wichtig ist, um neue Informationen ins Langzeitgedächtnis zu übertragen.

Was im Gehirn beim Nichtstun passiert, erforscht auch Verhaltensneurologe Dr. Martin Walter. Sein Ergebnis: Gerade in den Phasen, in denen die ProbandInnen seiner Untersuchung ohne Ablenkung ruhig im MRT liegen, sind besonders viele Areale im Gehirn aktiv: „Manche Regionen legen dann erst richtig los.”

Gerade Hirnareale, die für Erinnerungen und Gefühle zuständig sind, werden beim Nichtstun stärker durchblutet. In der Neurowissenschaft hat sich für diese Bereiche der Begriff „Default Mode Network” – Ruhezustandsnetzwerk – etabliert.

„Produktives Dösen” für mehr Kreativität

Einfach ein Nickerchen zu machen ist übrigens keine Alternative: Das Nichtstun sollte schon in einem wachen Stadium erfolgen, nach Dr. Martin Walter sozusagen als ein „produktives Dösen” mit offenen Augen.

Nicht nur für das Abspeichern wichtiger Informationen, sondern auch für kreative Ideen braucht unser Gehirn regelmäßige Auszeiten: Den gedanklichen Leerlauf nutzt es, um das bisherige Wissen mit dem neu Erlebten bzw. Erlernten abzugleichen. Die Synapsen werden neu sortiert – beste Bedingungen für Geistesblitze.

Kreative Gedanken brauchen eine gewisse „Inkubationsphase”, in der ein innovativer Gedanke langsam entstehen kann, ohne dass er schon spruchreif ist. So kommt dem einen unter der Dusche die zündende Idee, der anderen beim Joggen und dem dritten eben beim Aus-dem-Fenster-Starren.

Auch die Umgebung ist wichtig für Kreativität

Der Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla sieht auch die Umgebung als wichtigen Faktor. Unternehmen wie Google oder Facebook setzen deshalb nicht nur im Betriebsklima, sondern auch architektonisch auf kreative Freiräume für ihre MitarbeiterInnen. Weg von grauen Großraumbüros, hin zu kleinen Dachgärten, Steh-Konferenzsälen oder Sitzecken, die eher an gemütliche Wohnzimmer als an Arbeitsräume erinnern.

Doch so angenehm die Umgebung auch sein mag, auch hier ist wichtig: Lassen Sie keinen Stress entstehen und blenden Sie mögliche Ablenkungen bestmöglich aus. Nur so können Sie Ihre Gedanken richtig schweifen lassen.

Wann sollte die gedankliche Auszeit genommen werden?

Sich in den „Default Mode” – den Ruhezustand im Gehirn – zu bringen, soll laut aktuellen Forschungsergebnissen vor allem sinnvoll sein, nachdem man sich intensiv mit einem sehr wichtigen Thema beschäftigt hat.

Geben Sie Ihrem Gehirn danach einige Minuten „frei”: Schotten Sie sich von telefonischer Erreichbarkeit, E-Mail-Signalton und möglichen Unterbrechungen durch KollegInnen ab und lassen Sie sich für fünf Minuten völlig störungsfrei gedanklich treiben.

So hat Ihr Gehirn Zeit, die Informationen des wichtigen Themas aufzugreifen und zu verarbeiten. Erst dann kann es wahrlich kreative Ideen dazu produzieren.

In diesem Sinne: Schalten Sie jetzt ruhig erst mal ab.






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